Seit dieser Woche kostet der Eintritt in den Kölner Dom 12 Euro. Zwölf Euro, um eine Kirche zu betreten. Eine Kirche, die seit Jahrhunderten von Steuergeld, Kirchensteuern, Spenden und staatlichen Subventionen finanziert wird. Eine Kirche, die ihrer Gemeinde und dem Volk gehören sollte und nicht dem Klerus. Und jetzt zahlt man Eintritt wie in einen Freizeitpark.
Dazu fällt mir nur ein: Das ist eine Frechheit. Aber mehr als das, es ist ein Echo aus der Vergangenheit, das unheimlich vertraut klingt.
Das kleine Einmaleins des Ablasshandels
Wer in der Schule aufgepasst hat, erinnert sich: Der Ablasshandel war das große Geschäftsmodell der mittelalterlichen Kirche. Die Idee war simpel. Die Kirche hatte, so ihre Lehre, einen unerschöpflichen Schatz an überflüssiger Heiligkeit angehäuft, den sogenannten Thesaurus meriti. Päpste und Bischöfe konnten aus diesem Schatz schöpfen und Gläubigen Ablass ihrer Sünden verkaufen. Nicht die Sünden selbst, wohlgemerkt, das wäre zu offensichtlich. Nein, es ging um die „zeitliche Strafe" dafür. Das Fegefeuer. Die Wartezeit vor dem Himmel.
Johann Tetzel, der wohl berühmteste Ablasshändler der Geschichte, soll gesagt haben: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt." Er war Marketingexperte avant la lettre. Und er war außerordentlich erfolgreich, bis Martin Luther 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte und damit die Reformation einläutete.
Was trieb den Ablasshandel? Geld. Konkret: der Bau des Petersdoms in Rom. Auch andere Kathedralen und kirchliche Projekte wurden auf diese Weise finanziert. Man verkaufte transzendente Hoffnung und kassierte irdisches Kapital.
Und heute?
Heute ist die Theologie verschwunden. Niemand verspricht dem zahlenden Besucher des Kölner Doms weniger Zeit im Fegefeuer. Die Rhetorik ist moderner: „Erhaltung des Weltkulturerbes", „notwendige Restaurierungskosten", „ein Beitrag zum Denkmalschutz". Klingt vernünftiger. Ist im Kern dasselbe.
Du zahlst. Die Kirche kassiert. Und du bekommst was genau? Das Recht, einen Raum zu betreten, der dir als Gläubigem eigentlich gehört. Als Steuerzahler sowieso.
Denn vergessen wir nicht: Die Römisch-Katholische Kirche in Deutschland ist einer der größten Nutznießer staatlicher Finanzierung, die dieses Land kennt. Die Kirchensteuer, ein staatlich eingezogenes Instrument, brachte der katholischen Kirche zuletzt rund 6,8 Milliarden Euro pro Jahr. Der Staat subventioniert kirchliche Schulen, Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen in einem Ausmaß, das öffentlich kaum diskutiert wird. Und dennoch: Jetzt kostet der Dom Eintritt.
Die Parallelen, die niemand ziehen will
Lassen wir es klar sagen: Die Struktur ist dieselbe wie im Mittelalter, nur die Verpackung hat sich geändert.
Damals: Du zahlst für den Zugang zur göttlichen Gnade, oder zumindest zu ihrer institutionalisierten Repräsentation. Heute: Du zahlst für den Zugang zur physischen Repräsentation eben dieser Institution.
Damals: Die Gelder fließen in Bauprojekte, die nie wirklich abgeschlossen werden. Heute: Die Gelder fließen in Restaurierungsprojekte, die nie wirklich abgeschlossen werden.
Damals: Der Gläubige hat moralisch kaum eine Wahl. Wer nicht zahlt, riskiert sein Seelenheil. Heute: Der Tourist hat praktisch kaum eine Wahl. Wer nach Köln kommt und den Dom nicht besucht, hat Köln nicht gesehen.
Damals: Die Kirche saß auf unermesslichem Reichtum und sammelte trotzdem weiter Geld. Heute: Die Kirche sitzt auf unermesslichem Reichtum und kassiert trotzdem weiter.
Letzteres ist vielleicht der entscheidende Punkt. Die Katholische Kirche gilt als eine der vermögendsten Institutionen der Welt. Ihr Immobilienvermögen allein, in Rom, in Deutschland, weltweit, übersteigt das BIP vieler Staaten. Der Vatikan besitzt Kunstwerke, die mit keinem Geld der Erde zu bezahlen wären. In Deutschland ist die Kirche einer der größten Grundbesitzer überhaupt.
Und trotzdem: 12 Euro Eintritt.
Das Argument der „Erhaltungskosten"
Natürlich gibt es das Gegenargument: Der Dom kostet tatsächlich enorm viel Geld in der Pflege. Das stimmt. Die sogenannte Dombauhütte, eine der ältesten handwerklichen Institutionen Deutschlands, seit dem Mittelalter ununterbrochen in Betrieb, arbeitet permanent an der Erhaltung des Gebäudes. Steine werden ausgetauscht, Statuen restauriert, Fugen erneuert.
Aber diese Kosten werden bereits zu erheblichem Teil öffentlich finanziert. Das Land Nordrhein-Westfalen, der Bund, die Stadt Köln, alle beteiligen sich an den Kosten. Der Dom ist UNESCO-Welterbe, und als solches fließen öffentliche Gelder, Fördermittel, Stiftungsgelder in seine Erhaltung.
Wenn jetzt zusätzlich noch Eintrittsgelder kassiert werden, stellt sich eine legitime Frage: Wohin fließt dieses Geld? Eine transparente, öffentlich zugängliche Abrechnung gibt es nicht. Die Kirche ist keine GmbH, die Jahresabschlüsse veröffentlichen muss. Sie ist eine Institution, die von Gläubigen und Steuerzahlern gleichermaßen finanziert wird und trotzdem kaum Transparenzpflichten unterliegt.
Der Dom gehört allen
Es gibt etwas fundamental Falsches daran, wenn ein religiöses Gebäude, das seiner Natur nach allen Menschen offenstehen sollte, zur Eintrittspflicht wird. Kirchen waren historisch Zufluchtsorte. Für die Armen, die Obdachlosen, die Verzweifelten, die Beter. Für den zufälligen Reisenden, der einen Moment der Stille suchte. Für den Ungläubigen, den die Architektur ehrfürchtig stimmte.
Mit einem Eintrittspreis wird das Gebäude zum Konsumgut. Du zahlst, du schaust, du gehst. Der sakrale Charakter verdunstet zugunsten eines Museumsbetriebs.
Und das Bitterste dabei? Der Kölner Dom ist nicht irgendein Kunstobjekt in Privatbesitz. Er ist Weltkulturerbe. Er gehört, zumindest symbolisch, der gesamten Menschheit. Und jetzt kostet er Eintritt.
Ein lutherischer Moment
Ich bin nicht Luther. Ich habe keine 95 Thesen. Und ich werde nicht in die Kölner Innenstadt fahren, um irgendetwas an irgendetwas zu nageln.
Aber ich verstehe jetzt, warum Luther so wütend war.
Es ist nicht die Theologie. Es ist nicht der Glaube. Es ist die Heuchelei. Die Institution, die Demut predigt und Prunk lebt. Die Almosen fordert und selbst auf Bergen von Gold sitzt. Die von Gemeinschaft spricht und dann Eintritt verlangt.
Der Ablasshandel war nicht deshalb empörend, weil er Geld verlangte. Er war empörend, weil er in einem fundamentalen Widerspruch zu dem stand, was die Kirche behauptete zu sein.
Dieser Widerspruch ist heute noch da. Und er kostet jetzt 12 Euro.